Unsere Vision

Wenn Wunden nicht mehr heilen
ein Interview mit Mitgründerin Veronika Hruschka

Der Prozess der Themenfindung für die Forschungsgruppe ShoW war unorthodox. Am Anfang stand eine Seminarreihe zu Bürgerbeteiligung und dem Wert von Erfahrungswissen in der Forschung. Die Geweberegenerationsforscherin und wissenschaftliche Projektmanagerin Veronika Hruschka hat vor nunmehr fünf Jahren an dieser Seminarreihe teilgenommen und ist seitdem eine treibende Kraft im Aufbau der Forschungsgruppe. Am Sitz der SHoW Gruppe im AUVA Traumazentrum Wien, Standort Lorenz Böhler, trifft die Journalistin Marlene Erhart sie zum Interview.

a. Veronika Hruschka im Interview mit Marlene Erhart

SHoW, kurz für Senescence and Healing of Wounds, ist eine transdisziplinäre Gruppe, die sich mit Alterung und Wundheilung beschäftigt. Das Besondere daran ist, dass das Thema von verschiedenen Blickwinkeln heraus in Angriff genommen wird. SHoW beinhaltet eine biomedizinische Forschungsgruppe ebenso wie ein sozialwissenschaftliches Projekt und ein Co-Creation Team. Darüber hinaus beschäftigen wir uns auch mit grundlegenden Fragen zu Wissenschaft an sich und ihren Wechselwirkungen mit dem sozialen und gesellschaftlichen Umfeld. 

Der thematische Rahmen für die SHoW Gruppe wurde mit Hilfe eines Open-Innovation-Prozesses definiert. Im Rahmen von „Reden Sie mit!“, unter der Leitung von Ben Missbach, haben wir Menschen dazu aufgerufen, Fragen aus dem Bereich der Unfallverletzungen einzureichen. So konnten wir über Crowd-Sourcing Themenfelder identifizieren, in denen Handlungsbedarf besteht. In einer Abstimmungsrunde haben wir dann nach den wichtigsten Gebieten gefragt. Dabei wurden Alterung und Wundheilung am häufigsten genannt. Es gibt also in der Gesellschaft ein starkes Bedürfnis nach mehr Forschung in diesem Bereich.  

Es ist ein super Gefühl, mitzuerleben, wie aus einer Idee so etwas großes wird. Man spürt, dass es hier in der Gesellschaft ein Bedürfnis gibt, das bisher nicht angesprochen wurde. Ich bin gespannt, wie es weitergeht und was wir erreichen können.    

Wir merken, dass die Menschen bereits jetzt in diesem Bereich sehr großen Redebedarf haben. Viele sind selbst betroffen oder kennen jemanden in der Familie, der betroffen ist. Chronische Wunden kommen mit fortschreitendem Alter immer häufiger vor, besonders auch in Verbindung mit anderen Erkrankungen. Wir haben eine alternde Gesellschaft, deshalb wird sich diese Entwicklung auch in Zukunft fortsetzen und der Bedarf sogar noch steigern. 

Seneszenz beschreibt den Zustand einer Zelle, in dem der natürliche Zellzyklus angehalten ist. Die Zellen teilen sich nicht mehr und bleiben vor Ort. Bis zu einem gewissen Grad ist diese zelluläre Seneszenz etwas ganz Normales und gut für den Wundheilungsprozess. Das Problem entsteht, wenn diese Zellen nicht mehr vom Immunsystem entfernt werden und sich akkumulieren. Ein Ziel der biologischen Plattform ist es, die Zellen zu identifizieren, die seneszent werden, und sie im besten Fall auch zu beeinflussen, um einen verbesserten Wundheilungsprozess zu erzielen. 

Dabei werden Stakeholder aus dem Bereich der Wundversorgung in unsere Arbeit einbezogen. Das sind Ärztinnen und Ärzte, Therapeuten, das Pflegepersonal aber auch Patientinnen und Patienten und deren Angehörige – sie sind mit der Praxis der Wundversorgung bestens vertraut, stehen aber üblicherweise kaum in Kontakt mit der Forschung. Das wollen wir ändern. 

Anfangs wussten wir noch nicht, was der Status quo ist und wo der Schuh drückt. Nun sind wir dabei, alle Stakeholder zu identifizieren und zu eruieren, wo Lücken bestehen, wo es Handlungsbedarf gibt. Danach geht es darum, diese Diagnose zusammen mit Stakeholdern zu validieren und Partnerschaften aufzubauen. 

Wir sehen uns zum Beispiel an, was die Endpunkte einer Therapie sein könnten, ob das nur der Wundverschluss ist, oder ob es auch andere zentrale Faktoren gibt. Es geht auch darum, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Vielleicht bleibt eine Wunde offen, aber wenn die Lebensqualität steigt, weil die Wunde nicht mehr streng riecht oder weniger schmerzt, ist das ein sehr wichtiger Fortschritt. Wir haben diesbezüglich als Teil unserer Forschungsgruppe ein sozialwissenschaftliches Projekt in Kooperation mit Professorin Barbara Prainsack von der Uni Wien. 

Da gibt es derzeit keine einheitliche Herangehensweise. Je nachdem, wen das Thema betrifft, sind auch verschiedene Gruppen davon berührt. Wir wollen herausfinden, wer eingebunden ist, welche Prozesse dabei ablaufen und wie man stärker nach Behandlungsziel anstatt dem Behandlungsprozess steuern könnte. 

Nicht genau. Das Problem ist, dass Wunden oft als Teil oder Begleiterscheinung anderer Erkrankungen auftauchen und nicht wirklich mitprotokolliert werden. Natürlich wäre es gut zu wissen, wie viele Menschen betroffen sind. Das ist ein Aspekt, dem wir uns zuwenden werden. 

Dass die Gruppe sich in dem Feld etabliert und auch über den Rahmen von vier Jahren hinaus weiter besteht. Besonders wünschen würde ich mir, dass unser Konzept der Offenheit und interdisziplinären Zusammenarbeit sich in der Praxis beweist und von anderen Organisationen aufgegriffen wird.